Ein Toter nach Massenschlägerei – Nächtliche Randale in Hohenstein-Ernstthal
Freie Presse 4.10.1999

HOHENSTEIN-ERNSTTHAL (HÜB). Ein Todesopfer hat es offenbar infolge einer Massenschlägerei in Hohen-stein-Erstthal (Chemnitzer Land) gegeben. Ein 17-Jähriger wurde am Samstagmorgen in Oberlungwitz (Chemnitzer Land) leblos und mit schweren Kopfverletzungen gefunden. Das teilte die Polizei gestern mit. Der Jugendliche wur-de mit dem Rettungshubschrauber in das Klinikum Zwickau gebracht, wo er später seinen Verletzungen erlag.
Die bisherigen Ermittlungen der Polizei ergaben, dass der 17-Jährige in der Nacht zum Samstag Besucher des Punk-konzerts in Hoghenstein-Ernstthal war, von dem die Schlägerei ausgegangen sein soll. Auf dem Nachhauseweg wur-de er Zeugenaussagen zufolge von drei bis vier Unbekannten überfallen. Die Polizei ermittelt wegen des Verdachts auf Totschlag und fahndet nach einem Kleinbus oder Transporter, mit dem die Täter unterwegs gewesen sein sollen.
Bei der Schlägerei hatten mehrere Dutzend Besucher des „Zweiten 99erPunkfestivals“ im Jugendhaus „Off Is“ aus noch ungeklärtem Grund die gegenüberliegende Diskothek „La belle“ zu stürmen versucht. Sie wurden von Ord-nern und Besuchern zurückgedrängt. Es entwickelte sich eine wilde Schlägerei, bei der die Jugendlichen mit Zaun-latten, Bierflaschen und Steinen aufeinander losgingen. Laut Polizei wurden mehrere Personen zum Teil schwer ver-letzt. Drei werden stationär behandelt, vier weitere mussten ambulant versorgt werden.
Am Jugendhaus und der Diskothek entstanden Sachschäden in noch unbekannter Höhe unter anderem durch zerstör-te Fenster und Türen. Elf geparkte Autos wurden ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Der bisher geschätzte Scha-den beläuft sich hier auf rund 60.000 Mark. Zudem gingen Fenster eines Wohnhauses zu Bruch. Ein Holzzaun wur-de zerstört und die Latten als „Waffen“ genutzt. Der Ort des Geschehens sah wie ein Schlachtfeld aus. Für Oberbür-germeister Erich Homilius, er wurde an den Tatort gerufen – steht fest: „Veranstaltungen, wie jene im Jugendhaus, auf denen die Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden kann, wird es nicht mehr geben.“
Die Polizei nahm elf Tatverdächtige im Alter zwischen 15 und 31 Jahren fest, darunter drei Frauen. Einige von ih-nen sind einschlägig bekannt, so die Polizei. Zumeist standen die Festgenommenen unter Alkoholeinfluss.
Da nach Entscheidung der zuständigen Staatsanwaltschaft Chemnitz keine Haftgründe vorliegen, wurden alle Tat-verdächtigen, die im übrigen der Punkszene zuzuordnen sind, nach der Beschuldigtenvernehmung wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Kriminalpolizei Zwickau ermittelt wegen des Verdachts auf schweren Landfriedensbruch. Nach Aussagen der Polizei wird beim gegenwärtigen Stand der Ermittlungen jedoch nicht von einem extremistischen Tat-hintergrund ausgegangen.

Nächtliche Schlacht in der Stadt
Bislang größte Krawalle in der Stadt – Zehntausende Mark Schaden vor der Discothek „La belle“ – Ein Toter

Freie Presse / Hohenstein-Ernstthal 4.10.1999 von Ulrich Hübler und Manuela Wagner

HOHENSTEIN-ERNSTTHAL. Die bislang größten Straßenkrawalle in der Stadt ereigneten sich in der Nacht zum Sonnabend. Etwa 50 Punks zogen nach Mitternacht zur Diskothek „La belle“. Steine flogen, innerhalb weniger Mi-nuten war ein Auto schrottreif. Die Fenster der Bäckerei neben dem „La belle“ wurden bis in den zweiten Stock ein-geschlagen. 50 Meter Zaun an einem Privatgrundstück gingen zu Bruch. „60.000 Mark Schaden an elf abgeparkten Pkw“, bilanzierten die Sachverständigen der Polizei gestern. Am Sonnabendmorgen stirbt ein 17-Jähriger, der in der Nacht zusammengeschlagen worden war.
Was sich nachts an der Conrad-Clauß-Straße ereignete, erzählen Augenzeugen am Morgen nach der Krawallnacht. „Wir haben mit Barhockern versucht, zu verhindern, dass die Punks das „La belle“ stürmen“, sagt Betreiber Frank Richter. Einen tieferen Sinn für den Überfall kann er nicht finden: „Es gibt überhaupt keinen Grund für einen Über-fall, bei uns sind keine Szenen angesiedelt, wir haben normales Publikum.“
Das haben die Gäste des Zweiten 99er Punk-Festivals im Jugendhaus offenbar anders gesehen. Schon 22 Uhr fuhr hier der erste Krankenwagen. „Durch die Werbung haben Rechte vom Punkfestival erfahren. Die sind hier aufgelau-fen und haben unsere Gäste zusammengeschlagen“, erinnert sich Hauptorganisator René Hollerit. Daraufhin geriet die Situation außer Kontrolle. Die Linksextremen vermuteten die rechte Szene im „La belle“ und griffen die Disko-thek, in der sich 300 Leute befanden, an. Das gläserne Eingangsschild und nahezu alle Fensterscheiben gingen zu Bruch. Von 15 Verletzten sprach man Sonnabendmorgen im Lichtensteiner Krankenhaus.
Zeuge der Geschehnisse ist auch Oberbürgermeister Erich Homilius. „Mich erreichte ein Hilferuf von Frank Richter, daraufhin habe ich die Polizei angerufen. Nach Mitternacht sah es am „La belle“ aus wie auf einem Schlachtfeld. Junge Leute, teils unter Drogen, hatten keine Kontrolle mehr.“ Für ihn steht fest: „Veranstaltungen, wie jene im Ju-gendhaus, auf denen die Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden kann, wird es nicht mehr geben. Gegen 5 Uhr räumte der städtische Bauhof die Überreste der Nacht. Drei Stunden zuvor hatte ein Sonderkommando der Polizei die Punks vor der Erstürmung des „La belle“ abgehalten.
„Viel zu spät“, meinten Anwohner, die das Geschehen „mit Angst“ beobachtet hatten. „Wir haben schon 19 Uhr in der Polizeidienststelle angerufen. Uns wollte keiner anhören“, erinnert sich Annegret Ernst. 21 Stunden nach dem Überfall in der Freitagnacht hat sich die Szenerie noch nicht beruhigt: Ein Dutzend Punks wartet 21 Uhr vor der Ho-henstein-Ernstthaler Polizeidienststelle. „Einige von uns stehen unter Mordverdacht, mein Kumpel aus Oelsnitz ist vergangene Nacht draufgegangen“, sagt ein junger Mann aus der Szene.
In der Tat bestätigt das Chemnitzer Polizeipräsidium gestern, dass „am Sonnabendmorgen, 7.30 Uhr auf der Wal-denburger Straße in Oberlungwitz ein 17-jähriger Jugendlicher mit schweren Kopfverletzungen und in nicht an-sprechbarem Zustand aufgefunden wurde“. Er starb 11.15 Uhr im Zwickauer Klinikum. Der Zusammenhang zu Freitagnacht liegt auf der Hand: „Die bisherigen Ermittlungen ergaben, dass der junge Mann Besucher des Punk-Konzertes war, und auf dem Nachhauseweg durch Unbekannte, die aus dem Transporter ausstiegen, zusammenge-schlagen wurde“, bestätigte gestern das Chemnitzer Polizeipräsidium, das unter der Rufnummer 0371/4993333 Hin-weise (auch Beobachtungen zwischen 3 und 6 Uhr auf den Abfahrtswegen der Discothek „La belle“) erbittet. Die Randale in der Nacht, die Schlägereien und nicht zuletzt die Nachricht vom Tod des jungen Mannes überschatten das Cityfest das ganze Wochenende.
„Schlimm ist, dass völlig Unbeteiligte wie das `La belle´ und die Pkw der Nachbarn in Mitleidenschaft gezogen wurden. Aber die wenigsten Punks, die die Schäden verursachten, kommen aus Hohenstein-Ernstthal“, sagt die Ju-gendhaus-Chefin Heidi Urban, die derartige Ausschreitungen gegen das „La belle“ bisher nicht kannte und zieht ei-ne erste Konsequenz aus der Straßenschlacht von Freitagnacht: „Künftig wird es im Jugendhaus keine Punk-Konzer-te mehr geben.“

Chronologie der Randale
(HÜB). Nach bisherigen Recherchen der Redaktion stellen sich die Ereignisse so dar:
Gegen 18.45 Uhr ziehen die ersten Punks grölend auf der Oststraße in die Stadt. Nachdem bereits Bürger angerufen hatten, wird in der hiesigen Polizeidienststelle auf besorgte Nachfrage von Journalisten bescheinigt, dass kein „Konzert bekannt“ sei, „auf dem sich die Punks treffen könnten.“
22 Uhr rollt der erste Krankenwagen vom Parkplatz vor dem Jugendhaus „off is“. Gut 150 Anhänger der rechten Szene hatten von dem „Zweiten 99er Punkfestival“ Wind bekommen und im Haus eine Schlägerei angezettelt. Nachdem sie verschwunden sind, vermuten die Punks die rechte Szene in der Diskothek „La belle“ an der Conrad-Clauß-Straße. Gegen Mitternacht treffen etwa 50 Punks ein. Die bis dahin ruhige Straße verwandelt sich in ein Schlachtfeld. Autos werden beschädigt, mit abgerissenen Zaunslatten bewaffnet, wollen die Punks die Diskothek „La belle“ stürmen. 1 Uhr: Frank Richter, Betreiber der Diskothek „La belle“, weiß nicht, warum die Punks gegen das „La belle“ vorgehen. Er schlägt Alarm. Weitere Bürger rufen in der hiesigen Polizeidienststelle an. 2 Uhr rückt ein Sonderkommando der Polizei aus und hält die Punks von der Erstürmung der Diskothek ab.
Bis gegen 4 Uhr dauern die Krawalle auf der Conrad-Clauß-Straße an. Zu dieser Zeit sind Besucher des Punk-Fe-stivals auf dem Heimweg. In der Zeit von 3 bis 6 Uhr wird ein 17-Jähriger in Oberlungwitz tödlich verletzt. Sonntagmorgen: Die Chemnitzer Staatsanwaltschaft erkennt die Haftgründe nicht an. Elf Tatverdächtige sind auf freiem Fuß.

Kommentiert: Risiko bekannt
Von Ulrich Hübler

Man kann es drehen und wenden wie man will, das Risiko, dass die Punk-Veranstaltung am Freitagabend eskaliert, war bekannt. Heute, nach den bisher größten Krawallen in der Statd, muss festgestellt werden, dass genau dieser Umstand unterschätzt worden ist. Es ist doch nicht neu, dass für alles was die Punk-Szene veranstaltet, sich auch die rechte Ecke interessiert. Es ist nicht neu, dass auf solchen Veranstaltungen Schlägereien keine Seltenheit sind. Das bestätigen auch jene, die eine Nacht nach den Krawallen vor der Polizei warten. Warum die Situation eskalierte, ist bekannt, warum sie dennoch auf andere Einrichtungen in der Stadt übergreifen konnte, bis heute nicht. Die Veran-staltungen künftig zu verbieten, hieße aber auch, das Brett nun wirklich an der dünnsten Stelle zu bohren. Künftig muss wohl vorher länger darüber nachgedacht werden, welche Veranstaltungen zu Krawallen taugen, und wie diese schnell in den Griff zu bekommen sind.

Punker (17) nach Festival erschlagen
Chemnitzer Morgenpost 4.10.1999 von Andreas Weller

OBERLUNGWITZ – Tragisches Ende des „Zweiten 99er Punkfestivals“ in Hohenstein-Ernstthal: In den frühen Morgenstunden fanden Anwohner der Waldenburger Straße in Oberlungwitz Patrick (17) – blutüberströmt und nicht ansprechbar – am Straßenrand. Der junge Punker war brutal zusammengeschlagen worden, starb wenig später im Krankenhaus.
Rund 50 Punker, die im Jugendhaus „Off is“ feierten, wollten in der Nacht zum Samstag die gegenüberliegende Disko „La Belle“ an der Conrad-Claus-Straße stürmen – es kam zu einer Massenschlägerei. Die Polizei nahm elf Punker fest (Morgenpost berichtete).
Für Patrick endete das Festival tödlich: Gerhard Thiernach: „Der Jugendliche kam mit einem Freund von dem Punkfestival. Auf dem Heimweg wurden sie überfallen.“ Die bisher unbekannten Täter sprangen aus einem wagen und prügelten vermutlich mit Knüppeln auf beide Punker ein. Dann ließen sie Patrick schwer verletzt vor einem Bauernhof liegen. Sein Freund kam mit leichten Verletzungen davon. Thierbach: „Der Freund konnte sich Samstag an nichts mehr erinnern – war wohl total betrunken.“
Gegen 7.30 Uhr entdeckten Anwohner den Schwerverletzten – riefen Notarzt und Polizei. Mit einem Rettungshubschrauber wurde Patrick ins Klinikum Zwickau geflogen. Doch für ihn kam jede Hilfe zu spät – er starb gegen 11.15 Uhr im Krankenhaus an den Kopfverletzungen.
Gestern Mittag brachten Freunde von Patrick Blumen zum Tatort und stellten ein Holzkreuz mit der Aufschrift „Patrick, wir werden dich nie vergessen“ an die Stelle.
Zeugen melden sich bitte unter Tel. 0371/4993333 bei der Polizei.

Rache für Disko-Überfall? Punker (17) totgeprügelt
Bild Chemnitz 4.10.1999

Sie saßen in einem blauen Kleintransporter und fuhren durch die Nacht. Unbekannte Männer mit grimmigen Gesichtern. Sie machten Jagd. Jagd auf Punker…
Als der Wagen in Oberlungwitz auf die Waldenburger Straße einbog, rief einer der Schlägertypen: „Da vorn ist einer!“ Sie hatten den Maler-Lehrling Patrick T. (17) entdeckt. Sie springen aus dem Wagen, prügeln los. Ihr Opfer hat keine Chance. Massive Schläge an den Kopf verletzen den Jungen lebensgefährlich. Erst am Morgen entdeckt ihn ein Passant. Zu spät. Patrick stirbt im Krankenhaus.
Möglicherweise war der Überfall eine Vergeltungs-Aktion. Denn Stunden vorher hatten 50 Punker in Hohenstein-Ernstthal die Discothek „La belle“ überfallen. Die Polizei: „In der Disco haben viele Gäste sehr kurze Haare.“ Genau gegenüber: Der Punkertreff „Off iss“. Am Samstag der große Knall. Die Punks wollen in die Disco, werden von Gästen und Ordnern zurückgedrängt.
Dann die Massenschlägerei auf der Straße. Mit Zaunslatten und Bierflaschen schlagen die Gegner aufeinander ein. Nasen gehen zu Bruch, Zähne fliegen, Blut auf der Straße. Die Polizei: „Dazu wurden elf Autos demoliert, Scheiben eingeworfen. 60 000 Mark Schaden.“
Elf Punker wurden festgenommen, später wieder laufen gelassen.

„Die Rache kommt – verlasst euch drauf“
Punker und Skinheads machen Hohenstein-Ernstthal zum Schlachtfeld
Freie Presse 5.10.1999 von Johannes Fischer

HOHENSTEIN-ERNSTTHAL. In Oberlungwitz weiß man, wo es ist. Der Taxifahrer an der Imbissbude kennt den weg, der Kfz-Mechaniker in der Werkstatt auch. „An der kleinen Holzbrücke, 50 Meter weiter die Straße runter.“ Hier schlugen sie in der Nacht von Freitag auf Sonnabend auf die beiden Punker ein. Den einen, Patrick, 17 Jahre alt, trafen die Schläge so hart und unglücklich, dass er wenige Stunden später an den Folgen starb.
Von dem Tod des Jungen zeugte gestern nur noch ein kleines Holzkreuz an einer alten trostlosen Mauer am Ortsausgang der kleinen Stadt. Darauf ein kleiner Text in Blau („Patrick, wir werden dich nie vergessen“) und ein Anarcho-Symbol. Ringsherum ein paar Blumengebinde. Und dann noch ein Blatt Papier, in eine Klarsichtfolie gehüllt. In grüner Farbe ein großes Fragezeichen. Und dann, schnell hingekritzelt, als habe der Schreiber es eilig gehabt: „Die Rache kommt. Verlasst euch drauf.“
Wen aber soll die Rache treffen? Die Kripo ermittelt, hat aber noch keine Täter. Klar ist nur, von wo die Tragödie ihren Lauf nahm. Patrick war in seiner Todesnacht Gast bei einem Punk-Festival im Hohenstein-Ernstthaler Jugendclub „Off is“.Eine schummrige Bleibe, die Fenster sind blau verklebt, der Boden schwarz. Abgewetzte Sofas in der Ecke. Freitag Nacht war hier die Hölle los. Drogen, Alkohol, laute Musik. Aggressionen ablassen. Doch dann, so er-zählt man im Club, kam das Unheil von draußen. Gegen zehn Uhr abends sollen sich etwa 25 „Glatzen“ vor dem Club versammelt haben und drei Festival-Besucher zusammengeschlagen haben. Drei Stunden später wollten 50 Punker Rache nehmen. Mit Latten, Flaschen und Steinen bewaffnet, zogen sie zur nur wenige Meter entfernte Diskothek „La belle“, wo sie ihre Gegner vermuteten.
Vier Sicherheitsleute vom Ordnungsdienst stemmten sich im engen Treppenhaus gegen die aufgewühlten und latten-schwingenden Angreifer. Und hielten stand. Schnittwunden am Hals und Prellungen am ganzen Körper zeugen da-von. „Die nahmen in Kauf, dass einer drauf geht“, erzählt ein Wachmann. Warum die Punker ausgerechnet die Disco stürmen wollten, versteht er nicht: „Hier verkehren ganz normale Leute, keine Skins.“
Erst dreißig Minuten später traf die Polizei ein, sperrte die Straße ab, nahm Einige fest. Bis dahin hatten die Punker ihre Spuren in der ganzen Straße hinterlassen. Zerstörte Autos, zerschlagene Fensterscheiben, ein kaputter Zaun. Ein alter Mann steht fassungslos davor: „letzte Woche erst haben sie den Zaun repariert und gestrichen.“
Wann Patrick seinen letzten Heimweg antrat, war bis gestern abend noch nicht klar. Fest steht nur, dass er schon eine ganze Weile unterwegs sein musste, denn der Weg von der Hohenstein-Ernstthaler Innenstadt bis zum Ortsausgang von Oberlungwitz ist einige Kilometer lang. Jugendliche aus dem Club meinten, die Skinheads seien abends mit ihren Autos in der Absicht herumgefahren, Punker aufzuspüren. „Das machen sie öfters“, sagt einer, der am Wochenende dabei war. Jetzt läuft er nervös hin und her. „Ja“, bekennt er, „ich habe Angst.“ Deshalb nennt er seinen Namen nicht. „Sonst bin ich der Nächste.“ Er selbst wurde im März diesen Jahres von einer Gruppe „Glatzen“ angegriffen. „Zwei habe ich fertig gemacht“, erklärt er heldenhaft. „Dann bin ich abgehauen. Das waren doch zu viel.“ Sein Freund lehnt lässig an der Club-Theke und behauptet: „Ich habe keine Angst. Aber das Ganze hat doch keinen Sinn. Sicherlich geht das weiter. Auch wenn sie den Club zumachen.“
Darauf hoffen jetzt viele Anwohner, denen das „Off is“ schon lange ein Dorn im Auge ist. Manchen genügt schon ein Stichwort, um aus der Haut zu fahren. „Macht das Ding zu, macht es zu!“ ruft einer aus der Nachbarschaft. Dann läuft er weg, wie von der Tarntel gestochen.
Der Bäcker Dirk Müller ist ruhiger. Während er in der Todesnacht drinnen in der Backstube damit anfing, den Hohenstein-Ernstthalern ihre Frühstücksbrötchen zu backen, klirrten bei ihm im ersten Stock die Scheiben – im Zimmer seiner kleinen Tochter. „Als wir hörten, was draußen los war, haben wir schnell die Rollläden runtergelassen. Wir hatten Angst.“
Fürchterliche Sorgen machte sich auch Sandra Wegler. Während des Überfalls saß sie in der Diskothek fest, bangte hoffend, daß zu Hause ihrer anderthalb Jahre alten Tochter nichts passiert. Spät in der Nacht fand sie sie in ihrem Bettchen wohlbehalten wieder. Das Kindermädchen, das hätte aufpassen sollen, hatte sich davon gemacht. Zu einer Fete. Gegenüber, im „Off in“.

Eine Stadt kommt nicht zur Ruhe
Von Ulrich Hübler

HOHENSTEIN-ERNSTTHAL. Die Krawallnacht vom Freitag fand in der Nacht zum Montag in Hohenstein-Ernst-thal ihre Fortsetzung. Wie die Zwickauer Polizeidirektion informierte sammelten sich gegen 22.30 Uhr an der Gold-bachstraße und in der verlängerten Güterbahnhofstraße mehr als 40 Autos. Mit diesen kamen 150 Personen, die teil-weise vermummt waren und Knüppel mit sich führten. Der Tross zog durch die Stadt und hinterließ Schmierereien an zahlreichen Hauswänden und Telekom-Verteilern. „21 Hausfassaden wurden mit antifaschistischen Sprüchen beschmiert“, hieß es gestern. Die Polizei vermutet nun, dass die linke Szene den Tod des 17-jährigen Punkers in Oberlungwitz rächen und sich gegen Nazis und Rassimus artikulieren wollte
Für die massive Gegenreaktion aus der linksextremen Szene gibt es aus dem hiesigen Jugendhaus einen Erklärungs-versuch: „Die Krawalle wurden durch einen Überfall der rechten Szene auf das Jugendhaus Freitag Nacht ausgelöst. Hier gab es die ersten Verletzten schon 22 Uhr“, sagte gestern Jugendhaus-Chefin Heidi Urban und wirft der Polizei vor, „viel zu spät reagiert“ zu haben. „Unsere Leute haben schon bei dem Überfall auf das Jugendhaus mehrfach in der Polizeidienststelle angerufen.“ Erst später seien die Punks zur Discothek „La belle“ gezogen und hätten dort versucht, das Haus zu stürmen.
Die Vorfälle des Wochenendes haben Kreise gezogen: „Jene, die Sonntag nacht durch die Stadt gezogen sind, gehören der Antifa in Sachsen-Anhalt an“, bestätigt Urban. Das Haus soll dennoch „weiter zu den regulären Öffnungszeiten für die Jugendlichen der Stadt offen bleiben. Die Konzerte an den Wochenenden haben wir vorerst abgesagt“, sagte Urban.
In der Stadt selbst hütet man sich aber vor voreiligen Schlüssen. „Wir werden zunächst mit den Betreibern der Einrichtungen reden“, sagte Oberbürgermeister Erich Homilius gestern. Von einer Schließung war keine Rede.

Massenschlägerei hat Nachwirkungen
21 Häuser besprüht

Freie Presse – Glauchauer Zeitung 5.10.1999

HOHENSTEIN-ERNSTTHAL (HÜB/ela). Die Massenschlägerei zwischen Rechten und Linken in Hohenstein-Ernstthal Samstagnacht („Freie Presse“ berichtete auf der Seite Sachsen) ging auch in der Nacht am Sonntag weiter. wie die Polizei berichtet, versammelten sich etwa 150 offenbar linksextreme Jugendliche, die zum teil vermummt und mit Knüppeln bewaffnet gewesen sein sollen, in der Karl-May-Stadt.
Sie marschierten durchs Zentrum und besprühten etliche Hauswände und Verteilerkästen mit Sprüchen gegen Faschisten, Nazis und Rassismus. Auf ihrem Weg bewarfen die Jugendlichen den Volvo eines 23-Jährigen mit Steinen. Das Auto wurde stark beschädigt, die Insassen blieben jedoch unverletzt. Ein Großaufgebot der Polizei löste die Gruppe, die nach Aussagen aus dem Hohenstein-Ernstthaler Jugendhaus „Off is“ zur Antifa in Sachsen-Anhalt zu zählen ist, in den Nachtstunden auf.
„21 Gebäude wurden mit den Schriftzügen versehen“, bilanzierte die Stadtverwaltung gestern. Noch sei nicht klar, wer für den Schaden aufkommt. Im Jugendhaus soll es zunächst keine Konzerte an den Wochenenden mehr geben“, sagt Jugendhaus-Chefin Heidi Urban. Das Punk-Festival war das fünfte seiner Art.
Der Meeraner PDS-Landtagsabgeordnete Uwe Adamczyk erklärte, dass es mit der Sperrung der Gelder für das Jugendhaus, mit offiziellen Ermittlungen und eventuellen Gerichturteilen nicht getan wäre. Seiner Meinung nach wäre die Massenschlägerei verhinderbar gewesen. Jetzt müsse eine öffentliche Anhörung mit allen Beteiligten, Stadt, Polizei und Jugendvertreter her.
In Glauchau waren offenbar keine Auswirkungen der Krawalle zu spüren, wenngleich auch im Jugendhaus „H2″ ein Konzert stattfand. Nach Polizeiangaben gab es keine Zwischenfälle.

Nach dem Tod eines Punkers
Randale in Hohenstein-Ernstthal

Chemnitzer Morgenpost 5.10.1999 von Andreas Weller

HOHENSTEIN-ERNSTTHAL – Die Nachricht vom Tod ihres Kumpels Patrick (17) verbreitete sich am Sonntag wie ein Lauffeuer. Rund 150 Punker versammelten sich deshalb gegen 22.30 Uhr in Hohenstein-Ernstthal an der Goldbachstraße zu einer Demo gegen Rechts. Mit Knüppeln, Spruchbändern und Spraydosen bewaffnet, zogen sie in die Innenstadt und hinterließen eine Spur der Verwüstung.
Die 150 zum Teil vermummten Randalierer aus der Punker-Szene besprühten mindestens ein Dutzend Haus-, Pla-katwände und Stromkästen mit Hass-Tiraden. Schließlich bewarfen sie einen Volvo, der sie überholt hatte, mit Steinen. Die vier Insassen blieben unverletzt. Der Zwickauer Polizeisprecher Volker Kroh: „Die Menge wurde durch Polizisten auseinander getrieben und löste sich dann auf.“ Jetzt wird gegen die Punker wegen Sachbeschädigung er-mittelt.
Erst in der Nacht zuvor hatte es nach einem Punker-Festival eine Massenschlägerei vor der Disko „La Belle“ gegeben. Punker Patrick (17) wurde wenig später im nahe gelegenen Oberlungwitz mit schwersten Kopfverletzungen gefunden. Der Punker starb noch im Krankenhaus (Morgenpost berichtete).
Unterdessen beschäftigt sich die Mordkommisssion mit dem Tod des 17-jährigen Punkers. Polizeisprecher Gerhard Thierbach: „Es wird wegen Todschlags gegen drei oder vier Täter ermittelt.“ Von denen fehlt aber nach wie vor jede Spur. Deshalb hofft die Kripo auf Hinweise.

Randale für toten Punker
Bild Chemnitz 5.10.1999

Es war ein Marsch der Gewalt. 150 Punker rotteten sich in Hohenstein-Ernstthal zusammen, zogen randalierend durch die Stadt. Sie beschmierten hausfassaden, Strom- und Telefon-Verteiler mit Sprüchen gegen Nazis und Ras-sismus, zertrümmerten einen Pkw Volvo in der Weinkellerstraße.
Sie schworen Rache für ihren toten Freund (17).
Der war am frühen Samstagmorgen in Oberlungwitz niedergeschlagen worden, im Krankenhaus gestorben. Die Polizei: „Wir ermitteln wegen Totschlags, haben aber noch keine heiße Spur.“
Möglicherweise bald ein Phantombild? Fest steht: Ein Kumpel des Toten war bei dem Überfall dabei, wurde eben-falls niedergeprügelt. Er stellte sich ohnmächtig, entging so weiteren Schlägen. „Er war aber so betrunken, dass er sich kaum an den Hergang erinnern kann“, so Polizeisprecher Gerhardt Thierbach (56).

OBERLUNGWITZ: Ein „Appell gegen Gewalt“
Reaktion der GAFUG auf Tod eines Jugendlichen
Freie Presse – Region Chemnitzer (Internet-Ausgabe) 6.10.1999

(JA) Einen „Appell gegen Gewalt“ richten Geschäftsleitung und Mitarbeiter der Gemeinnützigen Aus-, Fortbildungs- und Umschulungsgesellschaft mbH (GAFUG) an die Teilnehmer der verschiedenen Bildungsmaßnahmen genauso wie an alle anderen Jugendlichen. Damit wird konkret auf das Ereignis vom Wochenende reagiert, welches den Tod von Patrick Thürmer, Auszubildender zum Maler im ersten Lehrjahr bei der GAFUG, zur Folge hatte.
In diesem „Appell gegen Gewalt“ heißt es unter anderem: „Dass die Menschen unterschiedlich in ihrem Denken, Fühlen und Handeln sind, ist nicht das Übel, es ist natürlich. Unnatürlich ist vielmehr, berechtigte Ansprüche anderer und Andersdenkender zu verletzen, in seinem Verhalten vernünftige und notwendige Maßstäbe unseres Zusammenlebens nicht anzuerkennen und seine zu allein gültigen zu machen. Wir akzeptieren und tolerieren deshalb die verschiedenen Strömungen, wenden uns allerdings gegen Gewalt.“

HOHENSTEIN-ERNSTTHAL: Sondersitzung des Rates in Sicht
Öffentliche Kritik am Polizeieinsatz wächst

(HÜB) Die Auseinandersetzung vom Wochenende haben jetzt politische Dimensionen erreicht. Zugleich wächst die Kritik am Einsatz der Polizei in der Krawallnacht. Nach Darstellungen von Jugendhaus-Mitarbeiter Lothar Becker sei die Polizei „am Donnerstag der vergangenen Woche schriftlich vom bevorstehenden Konzert informiert“ worden. Das Punk-Konzert sei das fünfte seiner Art gewesen, nennenswerte Zwischenfälle habe es auf früheren Veranstaltungen nicht gegeben.
Im Jugendhaus selbst sorgt man sich um die Zukunft. Wanda Möller beispielsweise gehört dem in diesem Jahr neu gegründeten Kulturverein „Voice of Art“ an und organisierte erst vor wenigen Wochen ein zweitägiges Open-Air-Festival auf dem Pfaffenberg. Auch der PDS-Landtagsabgeordnete Uwe Adamczyk spricht sich „für eine Anhörung aller Beteiligten vor Ort aus, um die Vorgänge am Wochenende aufzuklären“.
In der Bevölkerung – namentlich bei den Anwohnern der Conrad-Clauß-Straße – wächst indes die Angst vor ähnlichen Situationen in der Zukunft. Dietrich Abdank ist einer von ihnen, und er fordert „jetzt schnellstens ein Zeichen von den Hohenstein-Ernstthaler Räten. Es muss eine Sondersitzung einberufen werden.“, sagte er gestern der „Freien Presse“. Erste Hauseigentümer, so Abdank, würden sich schon mit dem Gedanken an einen Verkauf ihrer Häuser an der Conrad-Clauß-Straße tragen.
In den Reihen der Ratsfraktionen des Hohenstein-Ernstthaler Rates wächst mittlerweile auch der Aufklärungsbedarf. So wollte sich die CDU-Fraktion noch am Abend zusammensetzen. Nach bisherigen Hinweisen von Ratsmitgliedern will man wohl auf das Veranstaltungsspektrum im Jugendhaus Einfluss nehmen, spricht aber definitiv nicht von einer Schließung. Morgen soll es in der Stadtverwaltung ein klärendes Gespräch mit Jugendhaus, Kreisjugendring und dem Jugendamt geben.

Soko Rex ermittelt in Oberlungwitz
Zusammenhang mit Auseinandersetzungen in linker und rechter Szene vermutet

Freie Presse Online 7.10.1999

(HÜB) Nach dem gewaltsamen Tod eines 17-jährigen Jugendlichen in Oberlungwitz in der Nacht zum vergangenen Sonnabend hat die Sonderkommission Rechtsextremismus (Soko Rex) beim Landeskriminalamt die Ermittlungen aufgenommen. Die Kommission soll alle Geschehnisse der Nacht aufklären. Die Soko Rex ist dafür bekannt, dass sie auch Vorgänge während einschlägiger Polizeieinsätze untersucht.
Nach Auseinandersetzungen der linken und rechten Szene in Hohenstein-Ernstthal vermutet die Polizei einen Zusammenhang mit dem Tod des 17-Jährigen. Dieser war auf dem Heimweg nach einem Punk-Konzert von drei oder vier Jugendlichen angegriffen worden. Mit schweren Kopfverletzungen, an denen er in einem Zwickauer Krankenhaus starb, wurde er am Sonnabend morgen aufgefunden. Sein Begleiter wurde ebenfalls geschlagen. Als er Bewusstlosigkeit vortäuschte, ließen die Schläger von ihm ab. Indessen wollen alle Jugendvereine in Hohenstein-Ernstthal „ein Zeichen setzen“ und bei der Reinigung der Fassaden helfen, die von Anhängern der linken Szene aus Sachsen-Anhalt beschmiert worden waren.

Nach Überfall von Skinheads starb 17jähriger Punker
Sächsische Polizei sieht keinen extremistischen Tathintergrund

junge Welt 7.10.1999

In der Nacht vom 1. zum 2. Oktober griffen rechte Skinheads die Besucher eines Punkkonzerts in Hohenstein-Ernstthal in der Nähe von Chemnitz an. Am Ende starb Patrick, ein 17jähriger Punker, im Zwickauer Krankenhaus an seinen Verletzungen.
Am Freitag, dem 1. Oktober, hatte im ortsansässigen Jugendclub »Off Is« das »Zweite 99er Punkfestival« stattgefunden. Gegen 22 Uhr kam es zu einem Angriff von etwa 25 rechten Skinheads auf den Club. Mehrere Personen wurden verletzt. Die Polizei, die mehrfach zu Hilfe gerufen worden war, ließ sich nicht blicken. Später zogen mehrere Besucher des Punkkonzerts zur nahegelegenen Diskothek »La Belle«, in die sich die Faschisten zurückgezogen hatten. Es kam zu weiteren Auseinandersetzungen zwischen den Punks auf der einen sowie Nazis und Ordnern der Diskothek auf der anderen Seite. In diesem Fall hatte es die ebenso benachrichtigte Polizei eilig, einzugreifen. Es wurden Straßensperren aufgestellt, Personalien festgestellt und eine Reihe von Punks festgenommen.
Nachdem vorläufig Ruhe eingekehrt war, machten sich der 17jährige Patrick und ein Freund zu Fuß auf den Nachhauseweg. Einige Kilometer weiter in dem Ort Oberlungwitz wurden die beiden aus einem blauen Bus heraus angegriffen. Patricks Begleiter wurde verletzt, er selbst wurde später mit schweren Kopfverletzungen am Ortsausgang gefunden. Ein Rettungshubschrauber brachte den Verletzten in das Zwickauer Krankenhaus, wo er wenig später seinen Verletzungen erlag.
Von den Tätern gibt es keine Spur, die Polizei tappt im Dunkeln und sieht offenbar keinen Zusammenhang mit dem vorausgegangenen Angriff rechter Skinheads auf das Punkkonzert. Laut »Freie Presse« vom 4. Oktober »wird beim gegenwärtigen Stand der Ermittlungen jedoch nicht von einem extremistischen Tathintergrund ausgegangen«.
Für die »Freie Presse« scheint nicht der Tod eines 17jährigen im Vordergrund zu stehen, sondern die Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen aus Randgruppen, die mit Politik anscheinend nichts zu tun haben. Sie titelte nach dem 2. Oktober mit »Ein Toter nach Massenschlägerei – Nächtliche Randale in Hohenstein-Ernstthal«, »Punker und Skinheads machen Hohenstein-Ernstthal zum Schlachtfeld« und »Eine Stadt kommt nicht zur Ruhe«. Auch der Oberbürgermeister, Erich Homilius, scheint mit rechtsextremer Gewalt weniger Probleme zu haben als mit dem Jugendclub »Off Is«. So soll er laut »Freie Presse« in der Nacht vor dem Club geäußert haben: »Veranstaltungen, wie jene im Jugendhaus, auf denen die Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden kann, wird es nicht mehr geben.«
Am vergangenen Sonntag fand eine Spontandemo von etwa 150 Personen sächsischer Antifa-Gruppen in Hohenstein-Ernstthal statt.

Gewalttat sorgt für sachsenweites Interesse
Freie Presse Online 7.10.1999
(HÜB) „In Hohenstein-Ernstthal eskaliert die Jugendgewalt“, titelte am Donnerstag die in Dresden erscheinende Sächsische Zeitung und zeigt damit, dass die Nachrichten aus der Region mittlerweile sachsenweit für Interesse sorgen. Ob dergestalt Informationen nun glücklich sind oder nicht, die Auseinandersetzungen des vergangenen Wochenendes brauchen eine schnelle, eine lückenlose Aufklärung. Doch gerade um diese ist es nach dem derzeitigen Stand der Dinge nicht zum Besten bestellt. Denn: In der Polizeidirektion Zwickau hatte man bis Donnerstag „keinen einzigen verwertbaren Zeugenhinweis“ der Vorgänge vom frühen Freitagabend. Dieser wäre allein schon deshalb wichtig, weil sich seit Wochenbeginn die „Freie Presse“ vorliegenden Informationen mehren, das Jugendhaus wäre – bereits vor dem versuchten Sturm auf die Diskothek „La belle“ – etwa 22 Uhr von einer Gruppe offenbar rechts orientierter Jugendlicher angegriffen worden.
„Das kann ich so nicht bestätigen“, sagte am Donnerstag der amtierende Zwickauer Polizeichef Steffen Merold der „Freien Presse“. Eigens um die Vorgänge in der Großen Kreisstadt aufzuklären, hat man in der Direktion eine Ermittlungsgruppe von zehn Kriminalbeamten eingesetzt.
Wer hat was, wann gesehen? Diese Frage bewegt die Beamten der Zwickauer Polizei nun schon seit dem Wochenende. Denn die eigenen (zivilen) Kräfte, die sich nach Darstellungen von Steffen Merold „bereits gegen 20 Uhr in der Nähe des Jugendhauses“ aufgehalten haben sollen, haben wohl erst „1.15 Uhr Alarm geschlagen“. Zu diesem Zeitpunkt waren aber die tätlichen Auseinandersetzungen vor dem „La belle“ im Gange. „Im Jugendhaus war da schon alles vorbei“, sagt Jugendhaus-Mitarbeiter Lothar Becker. Ob es nun tatsächlich eine Art „Gegenreaktion“ der von der rechten Szene angegriffenen Punks war, bleibt heute immer noch unklar. Denn alles, was dazu aus dem Jugendhaus geäußert wurde, wird von der Polizei nicht bestätigt. Was bleibt, sind Äußerungen jener Konzertbesucher, die sich nun zu Unrecht an den Pranger gestellt sehen. „Wiegt die Sachbeschädigung schwerer als ein Toter?“, fragt z. B. Karin Toth.
Doch deswegen ermitteln die Beamten der Zwickauer Polizeidirektion nicht. „Hier geht es um Landfriedensbruch“, sagt Sprecher Volker Kroh und deutet damit an, dass die Vorgänge in der Stadt nichts mit „normaler Sachbeschädigung“ zu tun haben. Im Klartext: „Wer sich an gemeinsam begangenen Ausschreitungen, etwa Zerstörung und Bedrohung in der Qualität vom vergangenen Freitag beteiligt“, macht sich strafbar. „Bei Landfriedensbruch ist es unerheblich, wer den Stein geworfen hat“, sagt Polizeichef Steffen Merold. „Selbst wenn man nur am Rande steht und die Masse anfeuert, macht man sich des Landfriedensbruches schuldig.“ Genau das haben die 150 zum Teil Vermummten, die am Sonntag durch die Stadt gezogen sind, nicht getan. „Sie haben sich in kleine Gruppen aufgeteilt, und obwohl wir viele Personalien festgestellt haben, muss hier in der Tat bewiesen werden, wem welche Schmiererei an den Gebäuden anzulasten ist.“

„…am Freitag ein Konzert stattfindet“
Freie Presse Online 9.10.1999

(HÜB). Das Konzert war der Polizei schon vorher vom Jugendhaus bekannt gegeben worden. Mittlerweile gilt als gesichert: Auf einem A4-Blatt wurde vom Jugendhaus mitgeteilt, dass „am Freitag ein Konzert stattfindet“, bei dem man mit „keinen Problemen“ rechne.
Gut eine Woche nach den Krawallen in der Stadt will sich der Rat einen lückenlosen Überblick über die Vorgänge in der Stadt verschaffen. „Anfang der kommenden Woche soll es deshalb eine Anhörung geben“, sagte Oberbürgermeister Erich Homilius gestern der „Freien Presse“. Und da zu dieser Anhörung möglichst viele, auch bislang möglicherweise noch unbekannte Details der Vorgänge der vergangenen Freitagnacht zur Sprache kommen sollen, habe sich die Stadt entschieden „diese Anhörung unter Ausschluss der Öffentlichkeit“ anzuberaumen, so Homilius. Diese Vorgehensweise sei mit den Vorsitzenden der Fraktionen abgestimmt.
In der gesamten Stadt wächst nun fast stündlich der Drang, möglichst ein genaues Bild der Vorgänge zu bekommen. Neben Anrufen, die die Redaktion erhält, meldete sich auch die Junge Union im Chemnitzer Land zu Wort und regte „eine gemeinsame Aktion zwischen Stadtverwaltung, Landratsamt und dem Polizeipräsidium an. Das Ziel muss dabei sein, die Sicherheit in der Stadt wieder herzustellen.“ Die jungen Christdemokraten warnen davor, dass die Stadt „nicht zum Sammelpunkt der Jugendlichen aus ganz Sachsen wird, die ihre Aggressionen abbauen wollen“. Auch „La belle“-Besitzer Frank Richter will einer öffentlichen Diskussion der Vorgänge nicht aus dem Weg gehen und hatte für gestern abend zu einer Diskussionsrunde eingeladen. „Eine Anhörung der Stadt zu den Vorgängen erst am Anfang kommender Woche, ist mir einfach zu spät anberaumt. Das hätte gleich passieren müssen“, bewertete Frank Richter gestern die Nachricht. Weiter bleiben wohl entscheidende Details der Nacht unklar. Mittlerweile prüften die Ermittler „Zeugenaussagen aller Art, um sich ein Bild von den Vorgängen am Wochenende zu machen“, sagte Pressesprecher Volker Kroh gestern der DPA.

OBERLUNGWITZ: Gespannte Stimmung in Bildungsstätte

(JA). Gespannte Stimmung herrscht seit Anfang der Woche in der Gemeinnützigen Aus-, Fortbilungs- und Umschulungsgesellschaft mbH (GAFUG). Nach dem Tod des Auszubildenden Patrick Thürmer ist scheinbar nichts mehr wie bisher. Angst herrscht, dass die Bildungsstätte einem Racheakt zum Opfer fallen könnte. Von besorgten Eltern kommt sogar die mehr oder weniger direkte Aufforderung, die Einrichtung vorübergehend zu schließen.
Reinhard Roßner, Geschäftsführer der GAFUG, versucht trotzdem, Ruhe in das Haus zu bringen. „Wir müssen versuchen, so normal wie möglich weiter zu machen.“ Das sei allerdings gar nicht so leicht, denn scheinbar gebe es an der Bildungsstätte derzeit gar kein anderes Thema.
Auf Grund des tragischen Ereignisses hatte die Geschäftsführung der GAFUG gemeinsam mit den dort beschäftigten Mitarbeitern einen „Appell gegen Gewalt“ gestartet. Dieser Appell zur Toleranz richtet sich zwar grundsätzlich an alle, formuliert aber vor allem Erwartungen, die sich an die bis zu 720 Auszubildenden richtet. Denn Beobachtungen, dass sich die Jugendlichen zu einem nicht unerheblichen Teil nach links oder rechts orientieren, gibt es schon lange. Besonders stark sei das jeweils zu Beginn eines Ausbildungsjahres zu spüren. So krass wie dieses Jahr sei es aber noch nie gewesen. Dabei könne man rein optisch lediglich bei jeweils vielleicht fünf bis zehn Jugendlichen auf den ersten Blick zuordnen, ob sie der Punkszene oder der rechten Szene angehören. Wesentlich größer sei aber der Teil der Auszubildenden, die unauffällig sind, aber sich trotzdem eindeutig orientieren.
Ob aus Angst vor Rache, Parteinahme für das Opfer oder aus welchen Gründen auch immer: Fakt ist, dass in dieser Woche der Krankheitsstand bei den Auszubildenden drastisch und völlig untypisch gestiegen ist.
Im „Appell gegen Gewalt“ heißt es: „Unnatürlich ist es, berechtigte Ansprüche anderer und Andersdenkender zu verletzen, in seinem Verhalten vernünftige und notwendige Maßstäbe unseres Zusammenlebens nicht anzuerkennen und seine zu allein gültigen zu machen. Wir akzeptieren und tolerieren deshalb die verschiedenen Strömungen, wenden uns allerdings konsequent gegen Gewalt. Wer soweit geht, die brutale Gewalt anzustacheln und anzuwenden, ordnet sich bewusst nicht in unsere Ausbildungs- und Lebensziele ein, verstößt gegen die Menschlichkeit Vor Augen soll Euch aber das Verbrechen führen, wohin solch ein Wahn treibt!“

Polizeipräsenz in der Stadt
Freie Presse Online 11.10.1999

Oberbürgermeister Homilius: Sonerratssitzung zu Sicherheit in der Stadt ist öffentlich
(HÜB). Ein Großaufgebot von Polizei und zivilen Sicherheitskräften gaben am Wochenende der Stadt die Sicherheit zurück, die man hier eigentlich gewohnt war. Dabei waren die Bilder des Wochenendes trotzdem andere als sonst: Schon Freitag Nachmittag fuhren zahlreiche Mannschaftswagen der sächsischen Polizei durch die Stadt, bezogen an der Goldbachstraße und an den Durchfahrtsstraßen des Verkehrssicherheitszentrums Posten.
Freitagnacht, als „La belle“-Betreiber Frank Richter für 22 Uhr zu einer öffentlichen Diskussion eingeladen hatte, war es ruhig in der Stadt. Die Besatzungen in den Mannschaftswagen lasen in den Fahndungslisten. Lediglich gegen Mitternacht wurde die Conrad-Clauß-Straße kurz abgeriegelt und sieben vollbesetzte Mannschaftswagen in diesem Bereich konzentriert.
Kurz zuvor hatte der von Glauchau erwartete Zug aber keine „unerbetenen Gäste“ in die Stadt gebracht. Zwar brodelte den ganzen Tag über die Gerüchteküche, doch waren Frank Richter bis Freitagnacht „keine Drohungen“ gegen das „La belle“ bekannt.
Was hier stattfand, war nicht die große Diskussion um die Sicherheit in der Stadt und die Zukunft der Einrichtungen „La belle“ und „Off is“, sondern eine Information Interessierter. Zu ihnen gehörten mit Dirk Trinks, Klaus-Dieter Beck, Thomas Bigl (alle CDU) und Bernd Wanderwitz (Freie Wähler) vier der 22 Hohenstein-Ernstthaler Räte.
Beispielsweise hatte sich die PDS-Fraktion nach Richters Darstellungen „vom Gespräch ferngehalten, weil sie diesen Ort und den Zeitpunkt nicht für den richtigen hielt“. Dafür saß die Tochter von PDS-Stadträtin Gisela Prohatzky, Kathleen, mit am runden Tisch und wollte wissen, wie es denn hier weiter gehe. Sie sei immer hier und auch gegen den Willen der Eltern „heute Abend Gast im ,La belle‘“.
Auch Frank Richter ließ sich zu diesem Zeitpunkt nicht beirren: „Wir machen mit unseren Veranstaltungen im ,La belle‘ weiter. Wir können jetzt nur hoffen, dass die Gäste nicht wegbleiben“, sagte er sichtlich gespannter gegen 23 Uhr. Doch dann füllte sich das Tanzlokal. Wohl aber „mit 60 Prozent Leuten, die hier noch nie waren“ (Richter). Am Sonntag äußerte sich Richter dankbar, dass „die Stammgäste trotzdem so zahlreich gekommen sind“. Zu dieser Zeit wurde auch der Ton am „La belle“-Stammtisch rauher, als Stadtrat Wanderwitz lautstark verkündete: „Wenn die für Dienstag, 20 Uhr anberaumte Anhörung nicht öffentlich gemacht wird, gehe ich einfach nicht hin.“
Auch die anderen Stadträte sprachen von einer Einladung zur „nichtöffentlichen Sitzung“ am Dienstag, zeigten sich aber auch aufgeschlossen, dies zu ändern. „Wenn wir nur eine begrenzte und für eine nichtöffentliche Sitzung ausgewählte Anzahl Redner hören, laufen wir Gefahr, wichtige Details einfach nicht zu erfahren“, sagte beispielsweise Thomas Bigl. Offenbar diskutierten die Stadträte während ihrer Stadtbegehung am Samstag das Thema heftig. Denn am Sonntagmorgen sagte OB Erich Homilius der „Freien Presse“: „Die Sitzung am Dienstagabend wird öffentlich sein.“

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